Emotionale Erpressung

emotionale erpressung
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“Tu das, was ich will, sonst wird es dir schrecklich gehen”

Dies ist die Struktur von emotionaler Erpressung. Die Androhung kann vom Täter oder der Täterin direkt ausgesprochen sein. Meist ist es aber ein unausgesprochener Befehl. Das Opfer von emotionaler Erpressung, kennt die Erwartungen des Täters sehr genau. Und weiß, was es bei Nichtbefolgung fühlen wird. Nämlich schreckliche Emotionen, wie Angst, Panik oder Schuldgefühle. Opfer von emotionaler Erpressung sind in einem Nebel aus Angst-, Schuld- und übertriebenen Pflichtgefühlen gefangen. Sie stehen unter permanentem Stress.

Die Psychologin Dr. Susan Forward erklärt anschaulich in ihrem Buch “Emotionale Erpressung”, welche Symptome, Ursachen und Arten von Erpressern es gibt, sowie mögliche Wege um aus dem makaberen Spiel auszusteigen.

In diesem Artikel möchte ich, wichtige Aspekte daraus zusammenfassen und mit eigenen Gedanken ergänzen. Denn ich habe in meiner Praxis sehr häufig Klient*Innen, die unter Angst- und Panikattacken leiden und sehr häufig zeigt sich ein Zusammenhang mit emotionaler Erpressung in ihrem Leben. Der Täter oder die Täterin kann in der Familie, im Beruf oder auch in der Partnerschaft vorkommen.

Betonen möchte ich die Aspekte, die ich als Schlüsselelemente betrachte. Mit dem Ziel über den Zusammenhang zwischen Angststörung und emotionaler Erpressung aufzuklären und den ein oder die andere “aufzuwecken“.

Allen Betroffenen empfehle ich sich das gesamte Buch von Susan Forward durchzulesen und sich Hilfe zu holen, da der Weg aus dieser Manipulation allein sehr schwierig zu finden ist.

4 Typen von emotionalen Erpresser*Innen

Beispiele Emotionale Erpressung je nach Typ

Der Bestrafer richtet seine Wut direkt auf das Opfer.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn du nicht an das Telefon gehst, wenn ich dich anrufe, dann enterbe ich dich. (Vater zu seiner Tochter im Studentenalter). Er ruft solange an, bis sie rangeht.

Der / Die  Leidende erzeugt im Opfer Schuldgefühle.

Beispiel aus der Praxis: “Wenn ich deinen Geburtstag nicht mit dir feiern kann, dann werde ich ganz traurig und allein sein” (Konsequenz ist der Klientin klar, aber von der Mutter unausgesprochen “mich betrinken”). Die Klientin ist Mitte 20 und kümmert sich seit ihrer Kindheit um die alkoholkranke Mutter. Sie hat sich getraut ihren Geburtrag mit ihrem Freund und ohne die Mutter zu feiern. Mitten in der Nacht taucht sie dann verletzt und ohne Schlüssel bei ihrer Tochter zu Hause auf.

Noch ein Beispiel aus meiner Praxis: “Wenn du nicht an das Telefon gehst, dann mache ich mir so große Sorgen. Ich habe dann immer Angst, dass dir etwas passiert ist, oder dass du gestorben bist. Wenn du nicht rangehst, werde ich so panisch, dass ich einen Herzinfarkt bekommen könnte und dann sterbe ich.” (Konsequenz schwingt klar mit, wenn auch nicht ausgesprochen: Mein Tod, wird dann deine Schuld sein).

Der/ Die Selbstbestrafer/in droht dem Opfer damit sich selbst etwas anzutun

Der “Klassiker” in toxischen Paabeziehungen. “Ohne dich, kann ich nicht leben. Wenn du mich verlässt, dann bringe ich mich um.” Oder: “Wenn du nicht so wärst, dann müsste ich keinen Alkohol trinken.”

Eine Mutter schreibt ihrer erwachsenen Tochter per SMS, als diese sich eine Auszeit erbeten hatte: “Wenn deine Schwester und dein Vater so wie du reagiert hätten, dann hätte ich das nicht überlebt.” Grund für die erbetene Kontaktpause war eine schockierende Nachricht zum Thema sexueller Missbrauch innerhalb der Familie)

Der/ Die Verführer/in lässt sein Opfer eine Reihe von Test absolvieren und macht Versprechungen für die Zukunft.

Hier ein paar Beispielsätze aus der Praxis

“Wenn dir wirklich etwas an meinen Gefühlen liegt, dann ziehst du das andere Kleid für mich an.” “Wenn ich dir wirklich wichtig bin, dann kommst du mich einmal die Woche mindestens in der Psychiatrie besuchen und bringst mir alles mit, was ich brauche.”

“Ich wollte dich eigentlich in unserem Urlaub fragen, ob du mich heiraten willst, aber dann war ich mir doch nicht sicher, ob du die richtige bist”

“Heute ist unsere letzte Nacht zusammen, bevor wir uns lange nicht sehen, und du willst keinen Sex? Liebst du mich nicht?” “Wenn du mich wirklich liebst, dann machst du auch Analsex mit mir.”

“Wir werden dann zusammenziehen und eine wunderschöne große Wohnung haben, wo du von zu Hause arbeiten kannst, aber erst müssen wir unbedingt zusammen in den Urlaub fahren.” (Die junge Frau hatte eigentlich Nein zum Urlaub gesagt, weil sie keine Zeit und Geld dafür hatte, sich dann aber so überreden lassen)

Ablauf emotionaler Erpressung

Emotionale Erpressung folgt immer dem selben Schema:

Forderung -> Widerstand -> Druck -> Unterwerfung -> Wiederholung

Beispieldialog zwischen Täter und Opfer:

Lass mich heute Abend nicht alleine. -> Ach komm, es sind doch nur ein paar Stunden, die ich ausgehe. -> Wenn ich allein bin, dann bin ich so traurig und einsam, wahrscheinlich werde ich dann wieder ins Casino gehen müssen -> Ok, gut, dann machen wir beide heute Abend was schönes gemeinsam. -> Lass mich dieses Wochenende nicht alleine….

Wenn das Schema nicht unterbrochen wird, werden die Forderungen nicht aufhören. Ganz im Gegenteil, sie werden ein immer größeres Ausmaß annehmen. Der Druck wird sukzessive erhöht. Das Opfer unterwirft sich, um dem negativen Gefühl, was mit dem Druck verbunden ist zu entkommen. Z.b. Angst verlassen zu werden, Angst vor Wut, Schuldgefühlen. Der Preis für das Unterwerfen ist ein Verlust an Integrität, weil man gegen seine eigenen Bedürfnisse handelt.

Warnzeichen zu Beginn einer Beziehung

Frühe Warnzeichen, dass emotionale Erpressung in einer Beziehung auftreten werden, sind:

Weitere Warnzeichen für toxische Beziehungen findest du auch im Buch “Genug ist Genug” von Silke Gronwald und Almut Siegert, die zehn Expert*Innen zum Thema Narzissmus, Egozentrik und emotionalen Missbrauch interviewt haben.

Emotionale Erpressung beenden

Werde dir bewusst, welche Bestandteile die Erpressung enthält. Was ist die Forderung an dich von dem Erpresser/der Erpresserin und was sind seine angedrohten Konsequenzen. Welches sind die fadenscheinigen Argumente, die die Forderung rechtfertigen sollen. Mach einen Abgleich mit der Realität.

Zum Beispiel:

Forderung: Du sollst zu jeder Zeit ans Telefon gehen. Androhung: Wenn du das nicht tust, werde ich mich so schrecklich aufregen, dass ich sterbe. Fadenscheinige Argumente: Du weißt, mir macht es Angst, wenn du nicht antwortest und ich kann das nicht aushalten. Realität: Du bist ein erwachsener Mann und wenn ich nicht ans Telefon gehe, bedeutet das ich habe keine Zeit und nicht, mir ist was passiert. Du kannst dich darum kümmern, deine Angst behandeln zu lassen. Deine Angst ist übertrieben.

Welche Gefühle erlebst du dabei?

Ständiger Stress durch die Aufmerksamkeit auf das Telefon. Sorge einen Anruf zu verpassen. Angst, dass dem Täter etwas passieren könnte. Pflichtgefühle: Ich muss da ran gehen. Es ist meine Pflicht. Schuldgefühle: Sollen vermieden werden. Ich würde mich schuldig fühlen, wenn ihm etwas passiert.

Werde dir bewusst, dass ihr zwei erwachsene Menschen seid. Der Täter verhält sich nicht einem erwachsenen Mann entsprechend, sondern wie ein Kleinkind (“Ich halte sonst so lange die Luft an bis ich explodiere”)

Nimm die Forderung und sage dir: WO STEHT GESCHRIEBEN, DASS… eine erwachsene Frau ihrem Vater in jedem Moment Rechenschaft abgeben muss, was sie tut und wo sie ist.

Um gesund zu werden, beginne deine Bedürfnisse wahrzunehmen und sie an erste Stelle zu setzen. Deine Integrität wird wieder hergestellt, wenn du deine emotionalen Bedürfnisse stillst: Also wenn du Ruhe brauchst, gönnst du dir Ruhe und schaltest das Handy aus.

Menschen im Dauerstress mit Panikattacken brauchen innere Ruhe.

Selbstbehauptung: Stehe zu deinen Regeln und setze Grenzen, da wo dich jemand versucht zu verletzen oder zu manipulieren. Du darfst deine eigenen Regeln aufstellen. Du bist erwachsen, es ist dein Leben. Deine Gefühle sind nicht diskutabel. Niemand darf sagen, dass deine Gefühle und Bedürfnisse falsch sind. Es ist deine Wahrnehmung. Es heißt schließlich WAHRnehmung und nicht FALSCHnehmung.

Hab keine Angst vor Wut. Sie ist ein natürliche Emotion und zeigt an, wenn jemand deine Grenzen und Regeln verletzt hat. Unterdrücke sie nicht. Sie staut sich sonst auf oder du kompensierst sie mit Drogen, Essen, Alkohol, zu viel Arbeit oder lässt sie an jemand anderem aus.

Trenne Meinung und Tatsache. Der Täter beleidigt dich und sagt: “Du bist so egoistisch.” Das ist seine Meinung, die darf er haben. Aber es ist keine Tatsache. Du weist, du darfst an dich denken, weil du wertvoll bist und es verdient hast, gesund und glücklich zu sein.

Jeder erwachsene Mensch ist für seine Gefühle und Handlungen selbst verantwortlich.

Die Reaktion auf dein neues Verhalten wird deinem Erpresser nicht gefallen und er wird versuchen dich zu manipulieren, damit du doch das machst, was er will.

Egal was er macht, ob Schweigebehandlung, schreien, leiden, schlechte Sachen über dich erzählen, sage dir innerlich “ICH KANN DAS AUSHALTEN”.

Humor! Schafft Distanz. Stell dir vor, wie der Erpresser/die Erpresserin gerade etwas tut, was sonst nur Kleinkinder tun.

Hast du Fragen zum Thema oder möchtest von mir bei deinem Ausstieg aus der Manipulation unterstützt werden, melde dich gern bei mir.